Dienstag, Februar 13, 2007

Kino: I'M A CYBORG BUT THAT'S OK

Junge Frauen kämpfen häufiger mit Identitätskrisen. Oft liegt dies an ihrer Umwelt, wie sie aufwachsen oder was sie vorgelebt bekommen. Wenn ein kleines Mädchen von einer Frau aufgezogen wird, welche davon überzeugt ist selbst eine Maus zu sein, kann dies nur im Desaster enden.

Um sich selbst, aber auch ihrem Leben einen Sinn zu geben, spinnt sich Young-gyun (Su-jeong Lim - …ING, TALE OF TWO SISTERS, SAD MOVIE) zusammen, sie wäre ein Cyborg. Munter werden Batterien geleckt, Konversationen mit Deckenflutern geführt und Roboter Leit-Regeln gelernt. Klar, dass ihre Mitmenschen die Konventionen des Cyborg-Daseins nicht verstehen, was die Einweisung in eine psychiatrische Anstallt mit sich zieht. Dort angekommen, weckt sie schnell das Interesse des vermeidlichen Meisterdiebes Il-sun (J-Popstar Rain), der denkt er könne die Seelen anderer Menschen rauben.

Zugegeben, einen ungewöhnlicheren Film hätte Chan-Wook Park nicht drehen können, um sich von seinem bisherigen Image zu lösen, bzw. aus dem Genre des Rachedramas auszubrechen. Park, der mit JOINT SECURITY AREA, SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE, OLDBOY und LADY VENGEANCE echte Monolithe ihres Genres geschaffen hat, will nun weg vom Titel des Rachebarons. Was läge da näher als eine romantische Tragik-Komödie, die auf den ersten Blick so ziemlich alles über den Haufen wirft, was wir bisher von Monsieur Park gewohnt waren. Und doch wimmelt es nur so von parkschen Elementen: Sein heiß geliebtes Intro, das auch hier wieder einmal visuelle Freude bereitet oder auch die Liebe zu seinen Charakteren. Hier führt er sie ähnlich wie in LADY VENGEANCE ein, was sicherlich ein wenig behutsamer hätte passieren können. Aber noch einen Punkt gilt es zu beachten: Wie in allen seinen Filmen gibt Park auch im CYBORG nie seine Figuren auf. Egal wie verdreht sie auch sein mag, Park stellt sich zu zweihundert Prozent hinter sie. Da es in einer abgedrehten Rom-Com wie dieser einfacher ist mit der Protagonistin zu fühlen als in einem Drama, in dem sich die Hauptperson auf einmal als Oberfießling outet, sollte klar sein.

So wuschelig, verspielt, liebenswert und verrückt I’M A CYBORG auch sein mag – An Ernsthaftigkeit fehlt es ihm nicht. Für den ersten Ausflug in das unerforschte Genre sind kleinere Macken verzeihlich. So übersteigert Park einige Situation (z.B. den Shootout) zum Teil so stark, dass der Zuschauer im Fußraum des Kinosessels nach dem Bremspedal suchen möchte. Glücklicherweise kommt dieses dann immer noch rechtzeitig von Seiten des Regisseurs. Zwischen all dem „kinky Stuff“ kommen dann sogar echte Blüten zum Vorschein: Szenen die intensiver, ergreifender und ganz einfach auch schöner sind als all der Müll welcher jährlich auf den asiatischen Markt geworfen wird und sich frecher weise auch noch Romantic Comedy schimpfen darf. Wunderbar wie Park z.B. die gute alte Valentinskartenposse ummodelliert und zu einem äußerst herzhaften Lacher umfunktioniert. Außerdem hat wohl selten ein Mann auf entzückendere Weise die Tür zum Herzen einer Frau geöffnet.

I’M A CYBORG BUT THAT’S OK hat definitiv seine Schwächen. So hätte man an einigen Stellen gerade gegen Ende ein paar Kürzungen vornehmen können. Ebenso kann man sich gut vorstellen wie viel stärker die emotionale Bindung zu der Hauptfigur hätte sein können, wenn man den Coming-Of-Age Teil intensiviert hätte. Aber auch so kommt gut zur Geltung in welchem psychischen Vakuum Young-gyun steckt und wie schwer es ist ohne eine genau Perspektive aufzuwachen. Das sie furchtbare Angst hat in diesem wilden Strudel unterzugehen und sich deswegen dem übernatürlichen Cyborgmotiv zuwendet, der nun mal als höhere Lebensform über der Mehrheit des Volks liegt, ist dank mangelndem Background vielleicht nicht ganz so einfach. Doch das Park nicht ständig an unsere Menschlichkeit appelliert, in dem er uns vorwirft wir hätten den Sinn dafür verloren, dass wir nur als Einheit funktionieren, macht das ganze viel erträglicher. Schließlich steht nie zur Debatte das beide zu Unrecht in der Anstallt sitzen. Genau das könnte der Grund sein wieso Chan-Wook Park’s Figuren die liebenswertesten Spinner sind, die die Kinoleinwand seit langer Zeit zum Vorschein brachte.

Unterm Strich kann I’M A CYBORG sicher nicht als neue Mutter der koreanischen Tragik-Komödie bezeichnet werden. Festzustellen ist aber das Park wie zuvor mit visuelle und akustische Perfektion davon überzeugt, was für ein großartiger Regisseur er ist und mit welcher Leichtigkeit er nahe zu jeden Stoff genregerecht verfilmen kann, selbst wenn er verschiedene Genre vermischen muss. Wer sonst schafft es ein Massaker in Szene zu setzen und den Zuschauer trotzdem für keine Sekunde aus der Ruhe zu bringen?
8/10

Kommentare:

Grammaton Cleric hat gesagt…

Schöne Kritik! Kann's kaum erwarten den zu sehen (wohne ja leider fast so weit entfernt von Berlin, wie man nur kann ;-)). Bei Chan-Wook kann man aber m.E. nach nichts falsch machen, denn all seine bisherigen Filme (die ich kenne) sind ausnahmslos sehr gut bis Meisterwerk(e).

Vengeance hat gesagt…

Danke! Denke aber mal soo lange wirst du nicht mehr warten müssen. In 2-3 Monaten dürfte die Korea-Scheibe erscheinen und uns alle restlos glücklich machen. ;-)

Fakt ist: Der Cyborg ist ganz anders als die anderen Parks, definitiv aber toll.